Geschichte

Jesuitenmission in der Bukowina geht auf das Jahr 1820 zurück. Nach dem Abkommen von Leon XIII. mit dem russischen Zaren Alexander III. durfte Siegmund Tschesny Felinski nach seiner 20jährigen Verbannung in Jaroslawl an der Wolga weiterhin Erzbischof von Warschau bleiben. Sehr bald erwarb er zwei Gebäude in Czernowitz. 1885, einem Brief an den Provinzial der Gesellschaft Jesu Pater Jatskowski lud er Jesuiten nach Czernowitz zu kommen und bat sein Besitz als Unterkunft an. Der Provinzial nahm den Vorschlag an und Anfang September schickte er den Pater Tychowski in die Hauptstadt der Bukowina. Nachdem die Jesuiten eine provisorische Hauskapelle mit Altar und Beichtstuhl ausgestattet hatten, begannen sie sofort ihre Seelsorgerarbeit.
In einem Holzhaus (bekannt als Czernowitzer Residenz) teilten Jesuiten 8 Jahre lang zuerst zu zweit, später zu dritt und dann zu viert eine ärmliche Kapelle, arbeiteten in der Stadt sowie Vorstadt Monastyrysk und Rosch und in der Nachbarspfarre Molodia. Sie hielten Predigten und Katechese auf Polnisch und Deutsch nicht nur an Sonntagen und Feiertagen, sondern auch im Mai und Juni zu Feierlichkeiten zu Ehren Heiligstes Herz Jesu in ihrem lateinischen Pfarrhaus und in der armenischen Kirche, wie auch in der Kapelle von Felician Schwestern und in der Kapelle der Schwester der Marienfamilie. Bei ihrer Kapelle gründeten sie die Bruderschaft der III. Regel des hl. Franziskus, Bruderschaft vom lebenden Rosenkranz und Bruderschaft vom guten Tode.
Mit der Ankunft des Superioren Pater Franzisk Eberhard am 23. September 1889 fing für die Residenz ein neues Leben an. Die Stadt teilte für die Errichtung der Kirche ein Grundstück zu und Pater Eberhard sorgte dafür, dass noch vor dem Winter der Bau der Kirche begonnen wurde. Am 7. Juni 1891 weihte der Erzbischof Morawski unter Assistenz des Erzbischofs Felinski den Grundstein. Drei Jahre später war die monumentale Anlage einer wunderschönen neogotischen Kirche in Form eines Kreuzes aus Stein und Ziegel fertig, errichtet vom Czernowitzer Architekten Professor Leizner. Bunte Glasfenster wurden aus Grotow (Bielsko-Biala, Polen) geliefert. Die Wandmalereien stammen vom Maler Kascha aus Mykolaiv, der Hauptaltar und die Kanzel vom Meister Stuflesser (Tirol, Österreich). Die Orgel im Wert von 5 000 Florin wurde in der Orgelfabrik Rieger in Edendorf hergestellt (Bienenbüttel, Deutschland). Im Frühling 1894 lieferte man aus Edinburgh (Schottland, Großbritannien) drei Glocken. Die grössere nannte man „Herz Jesu“. Am 25. Oktober 1894 war es so weit: die ganze Stadt und sogar Katholiken aus der Vorstadt kamen zur feierlichen Weihe durch Erzbischof Morawski.
Neben dem Gotteshaus auf dem Grundstück, das vom Pater Eberhard um 400 Florin der Stadt abgekauft wurde, entstand auch ein anderes großes gotisches Bauwerk: Residenz mit einem großen Exerzitiensaal für Priester, wo schon am 27. Oktober 1894 Jesuiten untergebracht wurden.
Wer stellte das Geld bereit? Der Kostenvoranschlag vom Prof. Leizner machte 160 000 Florin aus, die Kirche selbst mit der Innenornamentik, Glocken, einer großen Orgel und der Residenz kostete 208 000. Welch reicher Mann spendete so viel Geld? Bergarbeiter aus Galizien, Bukowina und Schlesien, Sachsen und Westfallen waren das. Aber auch Pater Eberhard bemühte sich unermüdlich und bat Bischöfe Geld für „Herz Jesu Kirche in Czernowitz“ zu sammeln. Als Dank dafür hielt er dreitägige Missionen in ihren Gemeinden ab. Wer mehr als 50 Kronen spendete, bekam kleine Heiligenbilder als Geschenk.
Am 21. Juni 1895 fand die erste feierliche Messe für Herz Jesu im neuerrichteten Gotteshaus genannt nach dem Heiligsten Herzen Jesu. Drei Messen in drei Riten gab es damals, 200 Kinder und dreimal so viel Erwachsene kamen zur Kommunion. Nach der Predigt auf Polnisch und der Vesper gab es eine Prozession zum Herz-Jesu-Altar, der speziell vor der Kirche eingerichtet wurde. Darauf waren die eucharistischen Gaben ausgestellt und tausende Gläubige sprachen zusammen mit dem Priester den Weiheakt an das Gottesherz in drei Sprachen: Polnisch, Ukrainisch und Deutsch aus. Noch nie vorher gab es in Czernowitz solch eine festliche Veranstaltung gesehen. Seit jener Zeit wurde sie jährlich wiederholt.
Pater Eberhard blieb noch einige Jahre Superior in Czernowitz. Er sorgte für die Ausstattung der Kirche, betreute die Sakristei, leitete Bruderschaften, predigte auf Deutsch und Polnisch in der Stadt und in Kirchengemeinden, führte die Exerzitien für Priester und Nonnen. 1890 führte er Fastenexerzitien für Stadteinwohner sowie Konferenzen für Frauen und Herren ein. Jährlich lud er neue Jesuiten nach Czernowitz ein, fuhr auch selbst zu den Pfarrgemeinden in der Bukowina und Schlesien aus, besuchte polnische Arbeiter in Sachsen.
Die Nachfolger des Paters Eberhard – der Pater Mrowinski und Franzisk Janik – unterstützten und setzten seine Arbeit fort: Pater Mrowinski sorgte für die Wärme in der Kirche, indem er die Heizungen installierte, kümmerte sich um die Trockenlegung der Residenz mit Hilfe der Kanalisation; Pater Franzisk Janik begann eine kostbare Umzäunung der Kirche, des Friedhofs und der Residenz zu bauen. Der gotischen Kirche fehlte eine Turmuhr und man fand Stifter – Karl und Josef Freikammer spendeten 1 000 Florin und die Baronesse Gemminger fügte noch 100 hinzu. Die Uhr wurde in der Fabrik von Kretschmer in Prag bestellt; im April 1901 wurde sie an den Turm montiert. Oberhalb der Uhr platzierte der fromme Stifter ein silbernes Bild der Mutter Gottes. Darüber 3 silberne Tabellen auf Deutsch und 2 auf Polnisch.
In der neuen Residenz wohnten immer 5 bis 7 Priester. Sie alle waren polnische und deutsche Prediger und einer oder zwei von ihnen auch Katecheten in Volksschulen. Gottesdienst an Festtagen sowie in Mai und Juni hielt man in dem wunderschönen Gotteshaus. Der Pater Rubon gründete 1898 die marianische Kongregation für Frauen, die 1903 in polnische und deutsche geteilt wurde. Für Arbeiter bildete noch Pater Eberhard eine katholische Gesellschaft „Przyjazn“. Im Februar 1903 rief Pater Waschyz eine Sodalicia der Heiligen Maria für Frauen ins Leben.
Die Missionstätigkeit der Jesuiten wurde erweitert, so wurden 1896-1905 122 Missionen und Exerzitien durchgeführt. Man konnte also mit Sicherheit behaupten, dass es keine Pfarre in der Bukowina gab, wo sie nicht mitgewirkt hatten. Die Tätigkeit der Jesuiten in der Bukowina fand Anerkennung – zum festlichen Mittagessen am Tage des heiligen Franz Xaver wurden jährlich Landespräsident, Sejmmarschall, Generäle und Hofräte geladen, die nur selten in an den Ordensversammlungen teilnahmen.
Auch der lateinische Erzbischof (heute der Selige) Josef Biltschewsky besuchte während seines Aufenthalts in Czernowitz die neue Jesuitenkirche. Bei einem Abendessen in der Residenz, begleitet vom Prälat Lenkewitsch, von drei heimischen Pfarrern und von Oberhäuptern der Regierung sowie wichtigen Vertretern der Stadt und Militär, dankte er den Jesuiten für ihre unermüdliche Kirchen- und Gesellschaftsarbeit.
In der Zwischenkriegszeit gab es täglich um 9 Uhr ein Gottesdienst in der Kirche, sonntags sogar zweimal: um 9 Uhr auf Deutsch und um 11.30 auf Polnisch. Zu Weihnachten schmückte man die Kirche, bei den Seitenaltären stellte man Krippen auf. Festliche Messen wurden neben der Orgel oft auch von einem kleinen Orchester unter Leitung des Orgelspielers Sashymski begleitet. Gewöhnlich spielte Frater Bartowiak täglich Orgel und sonntags und an festlichen Tagen der Organist Sashymski.
1924 wurde Czernowitz durch Generaloberen W. Leduchowski zu einer selbständigen rumänischen Mission, 1937 in eine Vize-Provinz umbenannt. Am 7. Juli 1935 kam Metropolit Michai Robu aus Bukarest nach Czernowitz. An jenem Tag wurde in der Herz-Jesu-Kirche das Sakrament der Priesterweihe für Josef Jenshiewski und Jan Nowazki durchgeführt. Während der Okkupation von Czernowitz durch die deutsche und rumänische Armee im Jahre 1941 und mit dem Beginn der Verfolgung der Juden empfingen viele Anhänger des Davidsterns die katholische Taufe gerade in dieser Kirche. Für diese Taten verhafteten die rumänischen Behörden sogar den Hauptvikar Pater Wladyslaw Kumorowytsch. Kurz darauf wurde er freigelassen. So blieb die Herz-Jesu-Kirche in Czernowitz bis zum Anfang des 2. Weltkriegs die Hauptresidenz der Gesellschaft Jesu in Rumänien. Die Jesuiten wirkten in Czernowitz bis zum Jahr 1944, bis zum Eintreffen der sowjetischen Armee. Danach wurde der letzte Superior Wladyslaw Kumorowytsch 1944 in das tiefste Russland verbannt. 1945 beschlossen die Lokalbehörden die Kirche zu schließen und die Bauten der orthodoxen Kirche zu übergeben. Dazu ist es aber nie gekommen: ein Jahr später schlossen sie die Tür des Gotteshauses, um hier 1960 das staatliche Gebietsarchiv unterzubringen. Um die Archivdokumente hier aufzustellen, wurden 1963 zwei Stahlbetondecken eingezogen, drei Stockwerke gebildet und zwischen den Kirchsäulen Ziegelwände aufgestellt. Um Baumaterialien zu liefern, zerschlug man Glasmalereien. Völlig zerstört wurde der Altar und eine der besten in Europa Orgel, die Glocken und zahlreiche Kirchenutensilien, die Uhr mit silbernen Tabellen, die jede Stunde durch eine Melodie Zeit bekannt gab. Außer des Hauptaltars gab es in der Kirche noch zwei Seitenaltäre: in einem befand sich die Ikone der Heiligen Jungfrau Maria, zu beiden Seiten des Altars – die Skulpturen der Heiligen Theresia vom Kinde Jesu (Thérèse von Lisieux) und der Heiligen Margareta Maria Alacoque. Im anderen befand sich der Altar des Heiligen Ignatius von Loyola – Ordensgründer der Gesellschaft Jesu, den auch die Skulpturen schmückten. Außerdem gab es in der Kirche Altäre des Heiligen Stanislaus Kostka und der Unbefleckten Empfängnis. Die Wände waren mit der Skulpturreihe Kreuzweg geschmückt.
1960 bat der Pater Jenshiewski die lokalen Behörden Kirchenutensilien, Heiligenskulpturen und Kreuzweg zurückzugeben, aber man ließ seine Bitte außer Acht. Erst in 80er Jahren wurden die Sachen aus dem Keller und vom Dachboden an das Heimatkundemuseum übergeben, wo sie sich bis jetzt befinden. Auch heutzutage richtete die Gemeinde erneut mehrere Ersuchen an das Kultusministerium sowie lokale Behörden und bat um Rückgabe des im Museum aufbewahrten Eigentums der Kirche. Aber leider, so wie auch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, blieb unsere Bitte unbeachtet.
In einem Raum im Keller der Kirche eingemauert an der Wand hängt eine Tabelle mit der Inschrift: „Hier sind 60 polnische Soldaten begraben, die im Krieg 1914-1917 gefallen sind“. In den 30er Jahren des XX. Jahrhunderts wurden aus der Initiative der Gesellschaft „Kult der Helden“ auf dem Territorium der Kirche Soldaten-Katholiken umgebettet, die während des I. Weltkriegs auf dem Territorium der Bukowina gefallen waren. Die Archivare schreiben, dass Ende der 50er Jahre beim Umbau der Kirche für Archiv die Leichname der Soldaten aus dem Friedhof bei der Kirche in die Kapelle im Keller umgebettet wurden.
Der erste, wer sich 1996 Mühe gab, um die Kirche und Pfarrhaus wiederzugewinnen, war der Pater Krzysztof Homa SJ. Unterstützt vom damaligen Tschernowitzer Dekan Pater Wiktor Antoniuk und einer Kirchgängergruppe begann man die Arbeit. Unseren Bemühungen stimmten die Menschen verschiedener Konfessionen und nationalen Kulturgesellschaften der Stadt.
Die Geschichte zieht gerne Kreise… Der letzte Vorsteher Wladyslaw Kumorowytsch SJ war nach seiner Repatriierung aus Russland nach Polen Pfarrer in der Stadt Bytom, in der Gemeinde Heiligstes Herz Jesu. Es ist bezeichnend, dass aus genau der selben Gemeinde unser jetziger Vorsteher stammt, der erste seit dem Ende des Krieges – Pater Stanislaw Smolczewski SJ, der seit 1997 in der Bukowina arbeitet. Auf solche symbolische Weise, wie bei einer Stafette, wird die Mission der Jesuiten in Tscherniwzi fortgesetzt. Lange Jahre leitete Pater Stanislaw Smolczewski SJ unsere Gemeinde und arbeitete gleichzeitig als Pfarrer in Kizman. Schliesslich wurde uns das Gebäude der Herz-Jesu-Kirche im Jahr 2010 zurückgegeben. Wir wenden uns aber weiterhin an die Behörden und bemühen uns um die Rückgabe des Hauses, das zum Gelände gehört.
Am 12. Juni 2010 haben wir den 115. Jahrestag der Kirchengründung gefeiert. Wie auch im Jahr 1895 stand vor dem Kircheingang der Altar und ca. 150 Menschen konnten an der feierlichen Liturgie zu Ehren Herz Jesu beiwohnen. Und wir glauben, dass dieses Kirchenfest fortan jährlich stattfinden wird!
I. Keller, Historiker